Zum Inhalt Zur Navigation Zur Sitemap
Knut
Hüneke
 Info Webseite
Aktuell
04.11. - 03.12.17,
Offtime,
Gemeinsame Installation
Vernissage: 03. 11. 17, 20 Uhr

Experimentelle Archäologie

Die Herstellung eines latènezeitlichen Reibsteines in Dossenheimer Porphyr mit modernen Werkzeugen.

Ausgehend von der Idee, dass die praktische Ausführung und Anwendung weitere Erkenntnisse bergen kann, wurde am 22.09.14 ein Reibstein mit zugehöriger Unterlegplatte vom Verfasser angefertigt.

Zunächst musste entschieden werden, ob der Reibstein mit der charakteristischen bootsförmigen Ausprägung als Läufer oder als Unterlieger anzusehen ist. Es gibt zu diesem Thema durchaus konträre Auffassungen. So lehnen die Forscher vom LEA in Mayen eine Verwendung als Läufer strikt ab, unter Anderem deshalb, weil ein solcher "Läufer" viel zu schwer sei, um längere Zeit über einen Reibstein bewegt zu werden. Da die in der Umgebung von Mayen aufgefundenen bootsförmigen Reibsteine teilweise beträchtliche Ausmaße haben, sind diese auch eher als Unterlieger anzusehen. Genau auf diese Weise sind sie denn auch im Museum der Terra Vulcania als Demonstrationsobjekte aufgebaut.

Auch im Rhein-Neckar-Kreis sind Reibsteine aufgefunden worden, die durch ihre konkav-konvexe Abnutzung der Reibfläche auf ihre Verwendung als Unterlieger hinweisen. Ein kleinerer Läufer wurde demnach in Längsrichtung über den Reibstein bewegt.
Allerdings existieren auch zahlreiche Funde, bei denen die Reibfläche plan ausgeschliffen ist - allerdings nur im mittleren Teil - und deren Spitzen von der Abnutzung unberührt geblieben sind. Diese Abnutzungsspuren können nur entstehen, indem der Reibstein quer zu seiner Längsachse über eine plane Fläche einer Reibplatte als Unterlieger geschoben wird. Im archäologischen Befund lassen sie sich vielfach nachweisen.
Deshalb wurde diese Variante als Vorbild für die Nachbildung ausgewählt.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass die grobe Form relativ schnell herausgehauen ist, wenn die natürliche Grundform schon annähernd das angestrebte Werkstück repräsentiert. Verwendet wurden moderne Handschlageisen, wie sie im Prinzip auch schon zu keltischer Zeit im Einsatz waren. Allerdings hat sich gezeigt dass geschmiedete Eisen im harten Porphyr zu schnell abgenutzt werden, mithin zu oft ausgeschmiedet werden müssten, weshalb auf Werkzeuge mit einer Hartmetallbestückung zurückgegriffen wurde. Da die vorgeschichtlichen Rohlinge deutliche Spuren eines Bossierhammers aufweisen, wurde dieses Werkzeug auch bei der Herstellung der Nachbildung eingesetzt.
Steintechnisch ist bei der Ausarbeitung der beiden Spitzen besondere Sorgfalt geboten, da sie durch ihren Winkel, der weitaus kleiner ist als neunzig Grad, besonders bruchgefährdet sind.
Der erste Versuch schlug fehl, weil sich bereits beim groben Herausschlagen der Form Klüftungsrisse im mittleren Teil zeigten, die das Werkstück unbrauchbar werden ließen.
Dies findet auch seine Analogie im Oberflächenbefund auf dem Kirchberg, wo aus ähnlichen Gründen verworfene Rohlinge allenthalben im Gelände auszumachen sind.
Der nächste Versuch konnte bis zur Endbearbeitung vorangetrieben werden, wobei deutlich wurde, dass die Feinbearbeitung - die wir heute mit dem Begriff "fein gespitzt" umschreiben - wegen der gebotenen Vorsicht an den Spitzen und Kanten, doch einige Zeit in Anspruch genommen hat. Verwendet wurde hauptsächlich der Zweispitz, ein doppelhändig geführtes multifunktionales Werkzeug ähnlich einer kleinen Spitzhacke, dessen Verwendung beispielsweise in römischer Zeit gut belegt ist.
Für einen ersten Mahlversuch mussten nun Läufer und Unterlieger aneinander angepasst werden. Wasser spielt bei diesem Vorgang eine entscheidende Rolle, da durch vielfach wiederholte Reibversuche die beiden Werkstücke regelrecht aufeinander eingeschliffen werden müssen. An den Kontaktflächen entsteht so immer wieder eine Schleifpaste, die dem Steinmetzen anzeigt, wo noch Material abzutragen ist. Dieser Arbeitsschritt wird so oft wiederholt, bis eine vollständige Kontaktfläche zwischen Reibstein und Unterlieger hergestellt ist. Häufiges Übergießen mit Wasser hält hierbei das Werkstück sauber und schlägt den Gesteinsstaub nieder. Langsam entsteht auf diese Weise eine Oberfläche, die fast an eine Politur erinnert, durch die aber noch immer die feinen Spitzhiebe durchscheinen.
Genau solche Reibflächen sind auch an den drei Werkstücken auszumachen, die an der evangelischen Kirche in Dossenheim ausgegraben worden sind. Also könnten jene von Verfasser festgestellten "benutzten" Oberflächen durchaus auch auf jenes Einschleifen zurückzuführen sein, die dem Werkstück eine gebrauchsfertige Endbearbeitung geben sollten.
Dass sich in keltischer Zeit an dieser Stelle ein Werkplatz für eine solche Endbearbeitung befunden hat ist durchaus denkbar, zumal durch die unmittelbare Nähe zum Mühlbach die hierfür notwendige Wasserversorgung gewährleistet war.

Erster Mahlversuch

Nach erfolgreicher Anpassung von Läufer und Unterlieger haben wir nun eine komplette Schiebemühle erhalten. Ein erster spontaner Mahlversuch musste in Ermangelung von Getreide mit Marmorsplitt geschehen. Da das Ausgangsmaterial von Marmor Kalk ist und Kalzit ein sehr weiches Mineral, ist seine Verwendung als Ersatz für Korn gar nicht so abwegig. Zunächst musste Marmorsplitt in einer Korngröße hergestellt werden, die dem von Getreide ähnelt, das mittels eines Fäustels schnell zu bewerkstelligen war.
Beim Mahlvorgang selber wurde der Läufer mit beiden Händen an den beiden Spitzen umfasst und in horizontalen Bewegungen abwechselnd schiebend und ziehend über den Unterlieger bewegt. Der dazwischen liegende Marmorsplitt war bereits nach wenigen Sekunden zu einem weißen, feinen Pulver zermahlen. Das Eigengewicht des Läufers produziert genügend Anpressdruck, so dass die Horizontalbewegung ausreicht und kein zusätzlicher Kraftaufwand erforderlich ist. Die beiden Spitzen erweisen sich hierbei als durchaus brauchbare Handgriffe. Zwar kann auf diese Weise pro Mahlvorgang nur eine kleine Handvoll Korn gemahlen werden - mehr würde einfach seitlich herunterfallen - jedoch wird dieser Umstand durch die Geschwindigkeit je Arbeitsgang ausreichend kompensiert.

© Knut Hüneke